Das Kapitel "Drehbuchschreiben für Kino & TV" im "Handbuch für Autorinnen und Autoren" enthält folgende Beiträge:
Mit freundlicher Genehmigung von Jean-Paul Raabe servieren wir hier:
| Die 5-Minuten-Terrine für Drehbuch-Lehrlinge (Jean-Paul Raabe) Anfang 2000 hatte ich Gelegenheit, für ein renommiertes Fachmagazin für JournalistInnen eine Artikelserie für den Quereinstieg in den Beruf DrehbuchautorIn zu schreiben. Während der Veröffentlichung der einzelnen Serienteile in Monatsabständen erreichte mich eine beachtliche Anzahl von eMails von LeserInnen meiner Beiträge - sprich potenziellen DrehbuchautorInnen. Alle waren sehr wissbegierig und wollten weitere Informationen haben ("Würden Sie mir bitte dabei helfen und mir schreiben, welcher Weg mir am besten zu meinem Ziel verhelfen kann?" oder "Wie finden wir die kompetenten Ansprechpartner? Wo gezielt finden wir diese Ansprechpartner?" oder "Wie finde ich Agenten, die die Vermarktung von Drehbüchern übernehmen?"). Aber keinE LeserIn wollte mehr zum Beruf oder Handwerk des Drehbuchschreibens wissen, nichts zu Dramaturgie, Struktur, Szenenaufbau oder etwa Dialoggestaltung. Sie wollten lediglich wissen, wie sie ihre längst fertigen ersten Drehbücher (natürlich mit supergeilen und die Branche elektrisierenden Geschichten!) schnellstmöglich und gegen höchstmögliches Honorar an die richtigen PartnerInnen verkaufen können. Daher habe ich für all die kreativen und noch unentdeckten Schreibkräfte eine Schnell-Anleitung zum Erfolg entwickelt. Sie funktioniert wie die Supererfindung der Instant Soups: heißes Wasser drauf und in fünf Minuten kann das Menü serviert werden: - Eine fundierte Ausbildung als künftigeR DrehbuchautorIn können Sie sich sparen. Zu viel Wissen ist nur Ballast und schadet Ihrer Fantasie. Viel wichtiger: "Sorgen Sie dafür, dass Sie erst einmal eine Lebenspleite erleben. Ich bin während des Abiturs von der Schule geflogen und musste sehen, wie ich ohne Ausbildung, ohne Studium und ohne einen Pfennig Geld trotzdem irgendetwas werde. Das ist sehr karrierefördernd." So benennt es Vielschreiber Felix Huby. - Wenn Sie einigermaßen gut mit der Bedienung Ihres Computers vertraut sind und das Surfen im Internet beherrschen, finden Sie dort alles an Informationen, was Sie für das Drehbuchschreiben brauchen: Die Internet Movie Data Base (www.uk.imdb.com, www.us.imdb.com) ist die absolute Datenbank für alle Fragen zum Thema Kino, Cinebiz (www.cinebiz.de) bringt News aus der Filmbranche. Alles zum Thema Drehbuch bietet www.screenwriter.com, Infos speziell für TV-AutorInnen finden Sie bei www.tvwriter.com. Wenn Sie demnächst als Hollywood-AutorIn reüssieren werden, dann müssen Sie Mitglied der Writers Guild of America werden. Deren Internetseiten www.wga.org offerieren hervorragende Informationen über die Drehbuchbranche; ein Newsletter kann dort kostenlos abonniert werden. Der Frankfurter Verlag Zweitausend-eins hat neben einer Reihe von Filmfachbüchern im Programm überdies einige deutsche Kinodrehbücher ins Netz gestellt: www.zweitausendeins.de/filminfo; american screenplays können Sie bei www.screentalk.org/gallery.htm, www.script-o-rama.com und www.dailyscript.com vorwiegend als PDF-Files downloaden. "Readings" sind eine Erfindung aus N.Y. und dort Kultevents: Im Szeneclub The Nuyorican Poets Café (www.nuyorican.org) lesen bekannte Schauspielstars aus unrealisierten Drehbüchern. Diese Drehbuchlesungen (www.readings.de) gibt es mittlerweile auch in Köln, Berlin, München und Hamburg. Unter www.drehbuchforum.de können Sie sich in eine Mailing-Liste für deutsche DrehbuchautorInnen eintragen und mit KollegInnen per eMail Erfahrungen austauschen. Auch über Software für DrehbuchautorInnen finden Sie alles Wissenswerte im Internet. Demoversionen der verschiedenen Programme können Sie sich zum Austesten downloaden. Die Links dazu stehen im Beitrag "Am Anfang war das Wort ..." auf Seite 335. Der Deutsche Drehbuchpreis KunstSalon ist unter www.kunstsalon.de zu erreichen; ein Online-Ausbildungsangebot für DrehbuchautorInnen findet sich unter der Domain www.cyberfilmschool.com. Die ausführlichsten Informationen und eine Adressensammlung zum Thema Weiterbildung in der Filmbranche bietet die Schweizer Organisation FOCAL (www.focal.ch); die Verwertungsgesellschaft VG Wort (www.vgwort.de) verhilft AutorInnen zu lukrativen Nebeneinnahmen. Einige DrehbuchagentInnen und Development-Agenturen tummeln sich ebenfalls im Internet: Free X (www.freex.de), Verlag Hartmann & Stauffacher (www.hsverlag.com), Interspherial Pictures (www.interspherial.com), Scripthouse Berlin (www.scripthouse.de). Pitchpoint (www.pitchpoint.org) ist eine virtuelle Internetbörse für Drehbuchstoffe, US-Agent Jerrol LeBaron (www.WritersScriptNetwork.com) ist selbst an Drehbüchern deutscher AutorInnen interessiert. Hier können Sie Ihre Drehbuchideen für die Hollywood-Studios präsentieren: www.screenscripts.com. Die Drehbuchklinik (www.drehbuchklinik.de) bietet Beratung rund ums Drehbuch Consulting intensiv und sogar unter Zeitdruck. Es gibt unzählige gedruckte Film-ABCs, obendrein können Sie sich im Internet als AutorIn eintragen lassen, so u.a. im Medienhandbuch (www.medienhandbuch.de). www.scenariomag.com, www.hollywoodscriptwriter.com, www.nyscreenwriter.com und www.screentalk.org sind die Domains von Magazinen über Screenwriting und TV-Scriptwriting. - Die Lektüre eines einzigen Buches der vorwiegend amerikanischen Meister der Filmdramaturgie (Field, Seger, McKee, Vogler, Howard etc.) reicht völlig aus, um Sie über dramaturgische Strukturen etc. ins Bild zu setzen. Auch bei den vielen angebotenen Drehbuch-Seminaren können Sie sich getrost auf eines konzentrieren (siehe auch den Beitrag "Aus. Fort. Weiter" auf den Seiten 282 ff. mit den Adressen und Informationen zu den Veranstaltern). Suchen Sie sich das preisgünstigste raus oder - von mir aus - auch das teuerste (wenn Sie hohe Betriebsausgaben steuerlich geltend machen wollen). - DrehbuchautorInnen brauchen nicht zu informiert sein, welche Themen und welche Formate aktuell angesagt sind. Denn Produzenten und Redakteure erwarten, dass AutorInnen sie ständig mit neuartigen Formaten und Sendelängen und ungewöhnlichen Themen überraschen. - Bei der Gestaltung Ihrer Filmfiguren reicht es aus, wenn Sie eine der drei Ebenen bedienen: die physische, die soziologische oder die psychologische. Seien Sie niemals zu vielschichtig, denn dreidimensionale Charaktere würden Ihre Zuschauer überfordern. - Nebenhandlungen und Nebenfiguren verwirren die Zuschauer und lenken Sie von Ihrer Hauptfigur und der Haupthandlung ab. Außerdem geben sie einem Drehbuch zu viel Tiefe. Dadurch wird Ihr Stoff nur für ein elitäres und intellektuelles Publikum verständlich. Und damit sind keine guten Quoten, Marktanteile oder volle Kinokassen zu erreichen. |
- Vermeiden Sie es beim Schreiben, Ihren Drehbuchstoff zu eindeutig auf ein bestimmtes Genre wie Komödie, Science Fiction Film, Thriller hin zu entwickeln. Das macht Ihren Stoff universeller verwertbar.
- Jedes Drehbuch ist das Produkt Ihrer Fantasie. Und Fantasie entzieht sich mitunter den Gesetzen westlicher Logik. Zögern sie also keinesfalls, Ihrer Handlung unrealistische Wendungen und Verläufe zu geben. - Rückblenden werden von Produzenten gerne gesehen. Denn diese geben Zuschauern, die sonst etwas langsam von Begriff sind, Gelegenheit, auch komplizierte Handlungen zu verstehen. Glauben Sie nicht der Behauptung von gewissen Drehbuchlehrern, dass Rückblenden den Erzählfluss aufhalten oder gar dramaturgische Notlösungen darstellen. - Dialoge sind das dem visuellen Medium Film am besten entsprechende Stilmittel. Denn wie soll man etwa beim Bügeln ein TV-Movie anders mitkriegen, als über erklärende Dialoge? Was Sie als AutorIn nicht mit Bildern zeigen wollen, packen Sie einfach in die Dialoge. Vermeiden Sie aber Dialoge, wie sie normale Menschen sprechen würden. Das weist Sie als schlechteN AutorIn aus. Film ist schließlich eine Kunstform und so müssen auch Dialoge künstlich klingen, wie etwa: "Ich habe nicht gedacht, dass das Leben noch einmal ein solches Geschenk wie dich für mich bereithält. Ich bin aus der Übung. Ich weiß gar nicht mehr, wie das ist, verliebt zu sein." (1) - Ganz besonders beliebt bei den Zuschauern sind so genannte "Deus-ex-machina"-Lösungen. Wenn Sie also bei der Entwicklung Ihres Stoffes in eine Sackgasse geraten sind und nicht wissen wie IhrE HeldIn einen Konflikt lösen kann, dann greifen Sie doch zu den Sternen! Die ZuschauerInnen wollen ja nicht die graue Realität sehen, sondern lieben Wunder, die aus heiterem Himmel kommen. - Ersparen Sie Ihren Filmfiguren nichts, schon gar nicht den SchauspielerInnen, die die von Ihnen angelegten Rollen umsetzen sollen. Warum sollten SchauspielerInnen nicht mal an ihre Grenzen gehen - bei den Gagen!? Lächeln und gleichzeitig bitterlich weinen, sollte doch für keinen Mimen ein Problem darstellen. Wie etwa folgendes Beispiel: "Pfeiderer ist sichtlich genervt über die Antwort, lächelt aber pflichtschuldigst über dieses Kompliment. Der Bischof wendet sich zum Gehen und hakt sich bei Marie unter." (2) - Was Ihre eigene Arbeitsdisziplin und -methode angeht, so vermeiden Sie unbedingt, sich mit festgelegten "Schreibzeiten" selbst zu blockieren. Setzen Sie sich nur nach dem Lustprinzip an Ihren Computer. Denn ohne Spaß am Schreiben geht Ihre Fantasie flöten. Vereinbarte Ablieferungstermine für Treatments oder die fünfte Drehbuchfassung lassen sich jederzeit verschieben. Schließlich ist die Produktion ja auf Ihr Drehbuch angewiesen und nicht umgekehrt. - Gehen Sie immer davon aus, dass Ihr Drehbuchstoff einzigartig ist. Lieber etwas hochstapeln bei der Überzeugung, was Ihre eigene Kreativität betrifft. Senden Sie ruhig wahllos Ihre Drehbuch-Exposés oder -Treatments durch die Welt. Jeder Produzent, jede Redaktion ist froh, wenn sie etwas zu lesen bekommen, sogar wenn sie selbst für das von Ihnen entwickelte Format nicht produzieren. - Und kommen Sie ja nicht auf die Idee, Ihren Stoff für ein Pitching, wie auf Neudeutsch eine (mündliche) Präsentation von Drehbuchstoffen heißt, auf seinen Kern zu reduzieren. Sie haben sich schließlich viel Mühe mit einer komplizierten und verzwickten Handlung gegeben. Da können Sie doch von den Entscheidern verlangen, dass diese Ihre Geschichte in ihrer gesamten Komplexität verstehen. Wenn nicht, sind die eben zu dumm und die Zusammenarbeit wird dann vermutlich eh unbefriedigend für Sie. Solche Kontakte können Sie sich sparen, das sind nur Hemmschuhe in Ihrer Karriere. - Fassen Sie Ablehnungen und Absagen seitens der ProduzentInnen und RedakteurInnen immer als persönliche Beleidigung auf. Lassen Sie es die UnterzeichnerInnen von Absagebriefen postwendend wissen, dass diese damit nur ihre Unfähigkeit und Unprofessionalität bewiesen haben. Auch wenn sogar in Hollywood mancher brillante Stoff verkannt oder erst nach vielen Jahren realisiert worden ist. Wenn Sie schön alle do and do nots beachtet haben, werden Sie fürstlich belohnt werden! Mit glänzenden Münzen. Als Storyliner z.B. bei einer der daily soaps ("Verbotene Liebe", "GZSZ" oder "Unter uns") können Sie bei der Grundy Ufa TV Produktions GmbH mit einem Angestelltengehalt von monatlich 8.000 Mark brutto rechnen, Storyeditoren verdienen 10.000 bis 12.000 Mark brutto, Scripteditoren 10.000 Mark brutto, Chefautoren gehen mit mindestens 15.000 Mark brutto nach Hause. Dialogbuchautoren bekommen pro Folge bei den Grundy Dailys ein Honorar von etwa 2.000 bis 2.500 Mark (Buy Out), bei "Marienhof" (Bavaria Film GmbH) ca. 7.500 Mark pro Folge à 25 Minuten (zzgl. Wiederholungshonorar) und für eine Folge von 45 Minuten für die Grundy Weekly "Hinter Gittern" 25.000 Mark (Buy Out). Drehbücher mit einer Sendelänge von 90 Minuten bringen bei einem öffentlich-rechtlichen Sender 50.000 Mark (zuzüglich Wiederholungshonoraren) und um 120.000 Mark bei einem privaten Sender an (Buy Out-)Honorar ein. Das Drehbuch für einen Kinofilm von 95 Minuten kann 170.000 Mark oder viel mehr Wert sein. Und dann gibt es noch die Drehbuchförderung und Drehbuchpreise bei verschiedenen Institutionen im deutschsprachigen Raum (z. B. www.ffa.de, www.kuratorium-junger-film.de, www.film.mfg.de, www.fff-bayern.de, www.filmboard.de, www.mz-bremen.de/filmbuero, www.filmfoerderung-hamburg.de, www.hessische-filmfoerderung.de, www.Film-MV.de, www.lts-nds.de, www.filmstiftung.de, www.filmbuero-nw.de, www. mdm-foerderung.de, www.thueringen.de, www.mediadesk.de, www. filminstitut.at, www.suissimage.ch). Da können AutorInnen bis zu 50.000 Mark bekommen (so viel verdienen manche ErnährerInnen mehrköpfiger Familien nicht in einem Jahr!), um in Ruhe ein Drehbuch zu schreiben. Ohne dass es eine zwingende Notwendigkeit gibt, dass das fertige Drehbuch jemals realisiert wird. Sind das nicht rosige Aussichten, ohne zeitaufwändige oder gar kostspielige Ausbildung an viel Geld zu kommen? Dann ran an die Computertasten und losgeschrieben ... ___ |
© Sandra Uschtrin
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