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Ausschreibung zum Wettbewerb / Preis
Name Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena 2003
letzte Änderung am: 12. April 2002
Kategorie Theaterstücke
erstellt am: 21. Februar 1999

Wettbewerbsbedingungen / Bewerbungsformular
Explizites Ziel der Installation eines solchen Dramatikpreises war und ist es, den Wettbewerb eng ans das Jenaer Theaterhaus zu koppeln. Am Ideal, das preisgekrönte Stück auch in Jena zu inszenieren, wird dabei ausdrücklich festgehalten. Beim Wettbewerb 2000 ist mit einem kompakten Werkstattwochenende in der Regie des Theaterhauses bereits ein Weg beschritten worden, der weiter verfolgt werden soll.
Das Jenaer Theaterhaus und das Kulturamt haben sich deshalb auf folgendes Verfahren verständigt:
Der Lenz-Preis wird für 2003 als eine Mischform aus Dramatikpreis und Schreibwerkstatt ausgeschrieben.
Das Preisgeld von insgesamt 10.000 Euro wird gesplittet. 6.000 Euro fließen in die Schreibwerkstatt, 4.000 Euro erhält der/die PreisträgerIN.
Der Wettbewerb wir thematisch an das Spielzeitmotto des Jenaer Theaterhauses 2003/2004 gekoppelt.
Das Thema lautet DEUTSCHE FÄLLE. (Mit der thematischen Bindung soll ausgeschlossen werden, dass wir wie in den Jahren zuvor mit "Schubladenstücken" überhäuft werden. Außerdem wollen wir möglichst keine/n AutorIN prämieren, der/die auch ohne uns seinen/ihren Markt findet. Stattdessen begreifen wir den Preis auch als AutorINNenförderung!!

Jury
Die Jury besteht aus 5 Mitgliedern:
- dem Dramturgenteam des Theaterhauses Jena (Rainald Grebe und Sabine Westermaier)
- einer Verteterin der Stadt Jena (Birgit Liebold)
- dem Dramaturgen Frank Kroll von henschel SCHAUSPIEL Berlin
- einem "theaterfremden" Thema-Spezialisten

Vorgehensweise / Zeitschiene im einzelnen
Möglichkeit 1: Schreibwerkstatt
hierzu: Bewerbung zur Schreibwerkstatt bis 31. August 2002
Auswahl von 3 Bewerbungen erfolgt durch die Jury bis 30. September 2002.
Diese drei Bewerber erhalten je 2.000 Euro, um bis 31. Dezember 2002 eine erste Stückvorlage zu erarbeiten.
Die dramaturgische Betreuung erfolgt durch das Theaterhaus Jena. Die erarbeiteten Stücke nehmen am Wettbewerb teil.
Möglichkeit 2: Freie Bewerbung
Einsendung eines fertigen Stückes, das zur Uraufführung frei sein muß, zum Thema DEUTSCHE FÄLLE bis 31. August 2002

Preisverleihung am 01. März 2003

Das Theaterhaus behält sich bis zu diesem Termin vor, das prämierte Stück in der Spielzeit 2003/2004 am Theaterhaus Jena zur Uraufführung zu bringen.

Bewerbungsmodalitäten
Einzureichen ist
Möglichkeit 1: Schreibwerkstatt
-ein Exposé - in fünffacher Ausfertigung - , welches umfaßt:
- 1 Seite thematische Erläuterung
- 1 Seite Inhaltsangabe/Plot
- 3 ausgearbeitet Szenen
- 1 kurzer Lebenslauf mit den wichtigsten Angaben zum künstlerischen Werdegang
- Einverständniserklärung ("Mit meiner Unterschrift bestätige ich mein Einverständnis mit den Wettbewerbsbedingungen"; auf dieser Erklärung: Name, Vorname, Adresse, Geburtsdatum, Titel des eingereichten Stückes, Datum, Unterschrift)
Möglichkeit 2: Freie Bewerbung
- ein fertiges Stück zum Thema, das zur Uraufführung frei ist
- Einverständniserklärung ("Mit meiner Unterschrift bestätige ich mein Einverständnis mit den Wettbewerbsbedingungen"; auf dieser Erklärung: Name, Vorname, Adresse, Geburtsdatum, Titel des eingereichten Stückes, Datum, Unterschrift)
( Hinweis: Aus Dokumentationszwecken verbleiben alle eingereichten Unterlagen beim Veranstalter und werden nicht zurückgegeben!)

Einsendschluss: 31. August 2002 (Poststempel! )

Die Bewerbungsunterlagen sind zu senden an:

Kulturamt der Stadt Jena
Psf: 100338
07743 Jena

oder

Theaterhaus Jena gGmbH
(Dramaturgie)
Schillergäßchen
07743 Jena

Bis zum 1. Februar 2003 werden aus allen Bewerbungen sechs Stücke für den LENZPREIS nominiert.

DEUTSCHE FÄLLE

Geschichte gehört nicht Guido Knopp. Deutsche heißen nicht nur Adolf, Ulrike und Joschka. Wir suchen Stücke und Stückentwürfe über Alltag, Pop und Heimat, Politik, Liebe, Markt und Mythen. Stoffe, die von authentischen Fällen ausgehen. Übereinstimmungen mit realen Personen und Ereignissen sind nicht zufällig, sondern erwünscht.

Liebe Autorin! Lieber Autor!

Hier einige Anregungen zum Thema: Deutsche Fälle
Was sich dahinter verbergen kann, wohin die Reise geht, wenn wir den Log-In Begriff "Deutsche Fälle" vorgeben: wir sind gespannt.
Hier einige Fährten unsererseits als Spielmaterial, Anhaltspunkt, Widerstandserreger.

Wir sehen Deutschland nicht als Enklave in einer globalisierten Welt, nicht als herauszulösendes Territorium mit festen Grenzen und einer klar zu bezeichnenden Population. Vielmehr sehen wir Deutschland als Beispiel für eine Entwicklung, die nicht auf der ganzen Erde, aber doch in den sogenannten Industrienationen vor sich geht: Das Aufgehen der Nationen mit ihrer spezifischen Geschichte (der deutschen, der spanischen, der chinesischen) in eine glokale Kultur, in der globale und lokale Phänomene/Verhältnisse nebeneinander existieren: im Wettstreit, im Existenzkampf, in paradoxem Einvernehmen.

Die politische Rede von der Identität ob rechts ob links beruhte schon immer auf Vorstellungen, die die tatsächliche Vielfalt der Identitäten negieren. Politische Identität war und ist aber niemals eine gegebene Größe, kulturelle Erfahrungen gehorchten und gehorchen nie der Tendenz zur Vereinheitlichung und Standardisierung. Geschichte gehört nicht Guido Knopp, ist kein mediales Ereignis, keine Quizshow.
Uns interessiert Geschichte nicht als Unterrichtsfach, sondern Bastardkultur versus Leitkultur und Reinheitsgebot.

Der moderne Mensch bedient sich im globalen und lokalen Fundus gleichermaßen. Regionale Kultur steht immer im globalen Kontext, das von der Außenwelt abgeschnittene Bergdorf existiert nicht mehr.

Wenn ich heute eine Weißwurst esse, ist es nicht mehr dieselbe Weißwurst wie vor 50 Jahren, weil die bayrische Hausfrau Montags Spaghetti, Dienstag Chop Suey, Mittwoch Gyros, Donnerstag Quiche Lorraine, Freitags Seelachs, Samstags Paella zubereitet. Wenn dann am Sonntag echt bayrisch Weizen, Weißwurst und Brezeln verspeist wird, ist die Weißwurst eine glokale. Das heißt nicht, dass sie eine verlogene Weißwurst ist, sie ist nur eine glokale Weißwurst. Glokale Weißwürste haben die Eigenschaft, manchen besser zu schmecken als vor 50 Jahren, weil sie nicht mehr selbstverständlich sind. Sie könnten auch Spagettiweißwurst oder Paellaweißwurst heißen, weil die Spagetti und die Paella immer mitschmecken. Daß man die Weißwurst überhaupt noch rausschmeckt, macht sie so wertvoll. 

Oder aber: Wenn Frau Kowalske aus Mittweida im Fernsehen Britney Spears sieht, ist sie nicht mehr allein in Mittweida. Frau Spears tanzt um ihren Küchentisch... Wie gehen die "globalokalen" Menschen mit Heimat und Identität um? Werden sie ins worldwideweb gespült oder halten sie sich an der Zipfelmütze ihrer Gartenzwerge fest? 

DEUTSCHE FÄLLE sucht Stoffe, die aktuelle Bezüge enthalten bzw. mitdenken. Wir suchen Stoffe, die sich mit den Phänomenen Identität und Bastardisierung beschäftigen: Deutschland als Musikantenstadl und türkische Imbißbude, als Shop für schwarz-rot-goldene Socken und After-Work-Party der internationalen New Economy, als Boomtown für neues türkisches Kino und Abschiebeknast. Wir suchen Stoffe, deren Adressat Deutschland ist. Spielregel: Das Material, von dem ausgegangen wird, mit dem gespielt wird, soll authentisch sein.

Anliegen des Wettbewerbs
Der bedeutende Dramatiker und Theatertheoretiker Jakob Michael Reinhold Lenz (1751 - 1792) nannte sich selbst einen "schiffbrüchigen Europäer". Seine Mutter entstammte der deutschen Oberschicht Livlands; sein Vater kam aus Preußen. Entscheidende Bildungserlebnisse hatte der junge Lenz im ostpreußischen Königsberg. 1776 kam Lenz nach Thüringen, wohl in der Hoffnung, am Weimarer Hof eine Anstellung zu finden. Die Weimarer Ereignisse, insbesondere die zerbrechende Freundschaft mit Goethe und der Bruch mit dem Hof, führten ihn in eine tiefe seelische Krise, aus der er sich zeit seines Lebens nicht mehr befreien konnte. Trotzdem gehörte die Thüringer Zeit zu seiner produktivsten Schaffensperiode. Es entstanden nicht nur eine Vielzahl von Gedichten, sondern auch der Briefroman "Der Waldbruder", das Drama "Henriette von Waldeck / Die Laube" oder das Dramolet "Tantalus". Nach seiner Flucht aus Weimar irrte er unstet von einem Ort zum anderen, wurde aber weder im Steintal, noch in Petersburg oder Moskau heimisch. "Dem Heimatlosen eine Heimat geben" ist das Motto der Bemühungen in Jena, einen städtischen Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik zu installieren. Der Preis verfolgt das Ziel, die Auseinandersetzung mit Dramatik zu befördern, wobei formal und inhaltlich keine unmittelbare Lenz-Rezeption bezweckt wird.

Bisherige Preisträgerinnen:
1997
Hauptpreis: Dea Loher für "Adam Geist"
Sonderpreis. Ulrich Zieger für "Die Sonne ist blau"
2000:
Der Preis wurde geteilt zwischen:
Katharina Tanner für "Alles Liebe"
Robert Woelfl für "Dem Herz die Arbeit, den Händen die Liebe"

Weitere Informationen zum Wettbewerb (Lenz-Biographie u. a.) im Internet: www.jena.de/kultur/kultur.htm

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© Sandra Uschtrin | Uschtrin Verlag | 1997–2012

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