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... Sabine Franke
Lektorin im Mitteldeutschen Verlag
erstellt am: 6. September 2008

(In: Federwelt Newsletter Nr. 100 vom Juli 2008

Drei Fragen an ... Irmtraut Sabine Franke (Lektorin im Mitteldeutschen Verlag)

Du bist im Mitteldeutschen Verlag für den Aufbau des literarischen Programms zuständig. Was unternimmst du, um "Perlen" zu finden? Wo entdeckst du gute neue Autoren?
 
Ich lese: Manuskripte, Literaturzeitschriften, Bücher aus Verlagen, die nicht mehr existieren und deren Autoren einen neuen Verlag suchen. Und ich besuche Lesungen, wo sich noch unbekannte Schreibende mit ihrem Werk präsentieren. Für einen Verlag unserer Größe ist bei der Suche nach guten Prosaautoren die Zusammenarbeit mit Agenturen sicher weniger stark zu gewichten als bei den großen Publikumsverlagen, die sich an höheren Auflagen und Verkaufszahlen orientieren als wir. Was dort durchs Raster fällt, weil es zu schräg, zu lang, zu kurz, eben irgendwie anders ist und daher nicht ins Programm passt, kann trotzdem eine, wie du sagst, "Perle" sein, die in unserem Rahmen zu ihrer Geltung kommt.
 
Der Mitteldeutsche Verlag war zu DDR-Zeiten einer der großen Namen, man schaute gespannt auf die Autoren, die dort entdeckt und publiziert wurden. Nach den Verlagswirren der Wendejahre hatte der Name aber ziemlich Staub angesetzt. Es war eine programmatische Entscheidung, als wir vor wenigen Jahren unter neuer Leitung wieder angetreten sind, dass die Literaturreihe, die ich im Leipziger Büro des Verlags betreue, eine Kontur haben soll, die frischen Wind bringt.
 
Wir denken in kleineren Kategorien, also bin ich darauf angewiesen, Autoren zu finden, die sich auf die entsprechend andere Gangart einlassen - niedrigere, realistisch kalkulierte Auflagenhöhen, die Tatsache, dass wir weder Vorschüsse zahlen noch eine große Medienpräsenz durch Werbemittel garantieren können usw. Und glücklicherweise kommen immer wieder gute Autoren, die ihren Text bei uns sehen wollen, von selbst zu mir. Die Verlagslandschaft ist ja sehr stark in Bewegung.
 
Bedeutet ein hoher Anspruch bei der Sprache nicht auch, die Zahl der potentiellen Leser zu reduzieren?
 
Das stimmt natürlich. Es muss einem - übrigens auch als Autor - von vorneherein klar sein, dass die Leserschaft für anspruchsvollere Texte klein ist. Und natürlich kauft nicht jeder dieser insgesamt wenigen Tausend Leser a l l e anspruchsvollen Bücher aus den Frühjahrs- oder Herbstprogramm aller deutschsprachigen Verlage. Wann sollte er diese Titel auch alle lesen!? Man konkurriert also um die Gunst dieses kleinen, feinen Abnehmerkreises auch noch mit anderen Verlagen. So muss man die potentiellen Verkaufszahlen ganz nüchtern niedrig ansetzen. Wir müssen bei der Auswahl also auf eine entsprechende Gewichtung im Gesamtprogramm achten. Wie viele andere Verlage können wir uns "schwierige" Titel nur durch eine sogenannte Mischkalkulation leisten - das heißt, wir haben auch andere Programmbereiche, zum Beispiel kleine Geschenkbücher oder Stadt- und Wanderführer, bei denen der Absatz berechenbarer ist. Man hört, wenn man länger in diesem Geschäft tätig ist, sehr schnell auf, über leichtgewichtige Literatur die Nase zu rümpfen. Es ist einfach so, dass die Mehrzahl der Leser lieber Leichtgewichtiges liest. Selbst der Verleger von Kafka konnte dessen Bücher damals nur drucken, weil er Unterhaltungsliteratur publiziert hat.
 
Wie sollte ein Autor schreiben, um dich zu begeistern? Und welche Art von Text suchst du momentan für den Mitteldeutschen Verlag?
 
Mit der Begeisterung ist es vielleicht ähnlich wie mit dem Sich-Verlieben: Man kann schwer erklären, wann generell der Funke überspringt, weil er eben nicht generell überspringt, sondern in Einzelfällen.
Prinzipiell finde ich es wichtig, dass man der Literatur anmerkt, dass sie aus unserer Zeit stammt. Alles an unseren Lebensumständen ist doch andauernd in Bewegung. Diese Bewegung muss man in der Literatur spüren, sei es auf der sprachlichen Ebene oder auf der thematischen. Das ist ein Maßstab, mit dem ich an Texte herangehe.
 
Und ich bin fasziniert von Texten, die nicht nach bewährten, sicheren Rezepten geschrieben sind, also Erfolgreiches zu kopieren suchen, sondern in denen etwas gewagt wird und etwas ganz Eigenes entstanden ist. Ich suche die Zusammenarbeit mit Autoren, die das Risiko eingehen, an Themen zu arbeiten oder sprachliche Ausdrucksformen zu suchen, ohne darauf zu achten, ob diese dem Mainstream vielleicht zu schräg, anstrengend, heftig, düster, eigensinnig oder Ähnliches sind.
 
Für den Verlag lese ich immer mit mehreren Augen. Wir verlegen ein Mischprogramm, und ein Text, der nicht in meine Reihe passt, könnte vielleicht bei einem meiner Kollegen gut aufgehoben sein. Einen eher experimentellen oder möglicherweise etwas anstrengenden Text müssen wir mit einem leichter zugänglichen, unterhaltsameren koppeln, um eine möglichst breite Leserschaft anzusprechen.



Sabine Franke begleitet neben deutscher Belletristik auch Lyrikbände auf dem Weg zur Veröffentlichung. In der "Federwelt - Zeitschrift für Autorinnen und Autoren", Heft Nummer 71 (Ausgabe August/September 2008), rechnet sie vor, wie der Verlag einen Lyrikband kalkuliert. Titel ihres Artikels: "Mit 14 Euro auf den Nullgipfel - Warum so viele Lyrikmanuskripte abgelehnt werden"

Fragesteller: Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)

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