(In: Federwelt Newsletter Nr. 101 vom August 2008
Drei Fragen an ... Thomas Thiemeyer (Autor)
Du bist der Nachfolger von Kai Meyer (der zu Carlsen wechselt) als Spitzenautor beim Loewe-Verlag. Wirst du beim Schreiben der Jugendbücher etwas anders machen als bei deinen Wissenschaftsthrillern für Knaur - eine einfachere Sprache verwenden, andere Themen behandeln?
Könnte man meinen. Geringerer Umfang, mehr Fantasy, kantigere Charaktere, einfachere Sprache und mehr Action - das verbindet man im Allgemeinen mit Jugendbüchern. Tatsache ist aber, dass die Unterschiede zum Erwachsenenroman deutlich geringer ausfallen, als ich dachte. Das kann zum einen etwas damit zu tun haben, dass ich seit Jahren in einem Genre schreibe, das genau auf dieser Klaviatur spielt - dem mystischen Wissenschaftsthriller - zum anderen aber auch daran, dass man das Jugendbuch schlichtweg unterschätzt.
Klar, die Sprache ist knapp und präzise, das Tempo hoch und die fantastischen Elemente zahlreich, aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die übergreifenden Themen die gleichen sind wie im Erwachsenensegment. Liebe, Freundschaft, Verlust, Vergänglichkeit, die Überwindung von Ängsten - alles Themen, die man selbst in der hohen Literatur findet. Harry Potter hat es vorgemacht. Es geht um Vorurteile, Toleranz, Gleichberechtigung und die Entwicklung moralischer Grundsätze, alles eingebettet in einen fantastischen Hintergrund. Kein Wunder, dass diese Bücher von allen Generationen gleichermaßen verschlungen werden. Das ist genau das Segment, in dem ich mich auch tummeln werde, in der Altersstufe von 13 Jahren aufwärts. Das einzige, womit man sparsam umhgehen muss, ist der Anteil von Sex und Gewalt. Und ich habe natürlich einige Protagonisten, die sich deutlich unter der zwanziger Marke befinden. Ansonsten bemühe ich mich natürlich bei allen meinen Romanen um Abwechslung.
Mein Jugendbuchzyklus wird Ende des neunzehnten Jahrhunderts spielen. Klassische Abenteuergeschichten mit einer gehörigen Portion Steampunk. Oliver Twist meets James Bond - so etwas in dieser Art. Der erste Roman ist übrigens fertig, geschrieben in einer Rekordzeit (jedenfalls für mich) von viereinhalb Monaten. Er wird im Herbst 2009 erscheinen.
Als Illustrator prägst du seit fast zwanzig Jahren die Cover der Verlage Heyne, Arena, Harper Collins und Random House. Was sind die Materialien, von denen ein Illustrator ausgeht, wenn er ein Buchcover entwirft? Die Synopsis, ein Bildentwurf des Verlags oder das ganze Romanmanuskript?
Das ist von Verlag zu Verlag unterschiedlich. Mal sind es komplette Bücher, mal kurze Exposés, mal bekommt man inhaltliche Vorgaben und manchmal völlige Freiheit. Heyne war so ein Verlag, bei dem ich praktisch alles machen durfte, Hauptsache es sah gut aus und passte einigermaßen zum Inhalt. Im Jugendbuch ist das schon kniffliger. Hier gehen die Umschläge durch viel mehr Instanzen. Praktisch jeder darf mitreden und seine Meinung kundtun. Mit dem Effekt, dass ganze Umschläge komplett neu illustriert werden müssen, weil die Diskutanten sich nicht einig werden. Die USA ist wieder ein eigener Bereich. Hier haben die Autoren viel mehr Mitspracherecht. Sie dürfen eigene Vorschläge machen, Korrekturen fordern und sogar fertige Covermotive ablehnen. Deshalb dauert die Planungsphase mit Skizzen, Farbentwürfen usw. auch viel länger. Die Arbeit kann sich über einen ganzen Monat erstrecken. Allerdings zahlen die Amerikaner auch ein Vielfaches von dem, was deutsche Verlage auszugeben bereit sind.
Die Bestseller scheinen dir leicht von der Hand zu gehen. Wie disziplinierst du dich, wenn an einem Tag die spontane Lust zum Schreiben fehlt?
Durch rituelle Abläufe. Mein Tag beginnt um acht Uhr morgens, wenn meine Frau und die Kinder das Haus verlassen. Ich verdunkele meinen Platz ein wenig, stelle mir etwas zu trinken hin und fange an, die Arbeit vom Vortag Korrektur zu lesen. Sobald ich wieder richtig in der Geschichte drin bin, geht es los. Meine Zielsetzung lautet 1.000 Wörter am Tag. Manchmal ist das ein Kinderspiel, manchmal schier unmenschliche Quälerei. Ich kann selbst nicht sagen, an welchen Tagen es gut laufen wird und an welchen nicht. Es ist wie beim Joggen. Seine Tagesform erkennt man erst, wenn man unterwegs ist. Apropos Joggen: Ich habe festgestellt, dass es eine enge Beziehung zwischen Laufen und Schreiben gibt. Wenn ich einen Knoten im Kopf habe und ein bestimmtes Problem partout nicht lösen kann, empfiehlt sich eine Stunde Bewegung im Wald. Danach sprudeln die Ideen nur so. Manchmal sind es so viele, dass ich mir wünschte, ich hätte einen Notizblock eingepackt. Joggen und Plotten - ein Geheimtipp, den schon Schriftsteller wie Haruki Murakami für sich entdeckt haben.
Mehr über Thomas Thiemeyer unter www.thiemeyer.de.
Fragesteller: Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)
|
© Sandra Uschtrin | Uschtrin Verlag | 2010
25 Jahre "Handbuch für Autorinnen und Autoren"
Die Jubiläumsausgabe - jetzt lieferbar!
Hardcover. 704 Seiten. 49,90 EUR. www.uschtrin.de/handbuch.html
Uschtrin Verlag,Taxisstr. 15, D-80637 München, fon: +49 (0) 89 159 80 166, fax: +49 (0) 89 159 80 167
eMail: info@uschtrin.de, Internet: www.uschtrin.de