(In: Federwelt Newsletter Nr. 103 vom Oktober 2008)
Drei Fragen an ... Tanja Kinkel (Autorin)
Du hast mit 21 deinen ersten Roman veröffentlicht und seitdem zehn weitere, mit vier Millionen verkauften Exemplaren. Dein dritter Roman „Die Puppenspieler" befindet sich in der 33. Auflage und wird gerade verfilmt. Schreibst du nach all diesen Erfolgen heute anders, sagen wir, mit ruhiger Souveränität?
Nun, wenn ich mich seit meinem ersten Roman nicht weiter entwickelt hätte, dann wäre das deprimierend. Meiner Meinung nach spiegelt jeder Roman - das sehe ich als Leserin so, und auch als Autorin - eine bestimmte Phase im Leben eines Schriftstellers wieder. Eine bestimme Art, zu erzählen. Wenn ich heute das erste Mal über das Thema meines ersten Romans - den englischen Dichter Byron und seine Schwester Augusta - schreiben würde, dann fiele der Roman wohl etwas anders aus. Was nicht heißt, dass ich ihn umschreiben möchte, ganz und gar nicht. Ich bin noch immer sehr stolz auf ihn. Aber ich bin nicht mehr neunzehn - so alt war ich, als ich den Roman begann; mit neununddreißig hat man sozusagen eine etwas andere Stimme.
Wenn ich allerdings zum ersten Mal das jeweilige Manuskript aus der Hand gebe, dann sitze ich noch auf genauso glühenden Kohlen, wie ich es vor zehn oder fünfzehn Jahren tat. Nicht mehr so wie ganz am Anfang - ich glaube, dieses Gefühl hat man nur einmal -, aber sie verschwindet nie, die Nervosität, das Hoffen, mit dem, was man geschrieben hat, wirklich auch all das vermittelt zu haben, was einen beim Schreiben bewegte. Das ist jedoch ein Zustand, der erst einsetzt, wenn die eigentliche Schreibarbeit bereits abgeschlossen ist. Während des Schreibens bewege ich mich ganz in der Welt meines Romans. Ob ich darin allerdings Souveränin oder erste Dienerin bin, weiß ich selbst nicht!
Du bietest eine Schreibwerkstatt auf deiner Website www.tanja-kinkel.de an, bei der jeder kostenlos mitmachen kann. Warum opferst du Zeit für den schriftstellerischen Nachwuchs?
Bei meinen Lesereisen werde ich immer wieder gefragt, wie und ob man lernen könne, Autor zu sein. Nun habe ich bei meiner eigenen Arbeit weder die Zeit noch das Talent, anderer Leute Manuskripte zu lektorieren; gerade, weil mir meine eigenen Lektoren immer sehr geholfen haben, weiß ich jedoch, wie wichtig ein Lektor, oder, um einen Begriff aus dem Internet zu entlehnen, ein "Beta-Leser" ist. Um als Autor weiterzukommen, braucht man Übung, auf jeden Fall, aber eben auch Leser, die konstruktive Kritik anbieten, und/oder Enthusiasmus. Eine Schreibwerkstatt, bei der ich die Themen stelle und Leser einander bewerten, schien mir die beste Möglichkeit zu sein, Jungautoren zu helfen. Ich selbst gebe dabei kein Urteil ab, sondern bleibe neutral. Nicht nur, weil ich keine Lektorin bin, sondern auch, weil sonst sehr schnell der Verdacht von Parteinahme aufkäme. Außerdem bemühe ich mich zwar, so viele Beiträge wie möglich zu lesen, doch ich bin auf Lesereise und nicht immer online, also klappt es manchmal nicht. Es sind die angehenden Autoren, die einander bewerten, kritisieren oder anfeuern, sehen, was mehrere Menschen aus der gleichen Grundlage auf unterschiedliche Weise machen. Dazu biete ich ihnen die Chance, und bis jetzt haben an die zweihundertsechzig Leute diese Chance wahrgenommen.
Manche Autoren haben ein Land oder eine Epoche, in denen alle ihre Geschichten angesiedelt sind. Bei dir wechseln häufig Zeit und Ort; in deinem neuen Roman "Säulen der Ewigkeit" beispielsweise geht es um Sarah Belzoni, die zwischen zwei Männern, beide Jäger verlorener Schätze, im 19. Jahrhundert als eine der ersten Europäerinnen Ägypten erforschte. Brauchst du das Abenteuer, mit jedem Roman eine neue Welt zu erkunden?
Ja. Für mich ist das eine der reizvollsten Dimensionen des Autorendaseins - diese ständig neue Herausforderung. Ich kann mir nicht vorstellen, mich je nur auf ein Jahrhundert oder ein Land zu beschränken, ganz gleich, ob in Vergangenheit oder Gegenwart.
Fragesteller: Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)
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