(In: Federwelt Newsletter Nr. 105 vom Dezember 2008)
Drei Fragen an ... Gisbert Haefs (Autor und Übersetzer)
Du arbeitest seit 1982 als freier Schriftsteller und Übersetzer, und hast preisgekrönte Sciencefiction-Romane, historische Romane und Krimis geschrieben. Haben dir die Marketingleute im Verlag nicht vorgehalten, du müsstest dich auf ein Genre beschränken, um für den Namen Gisbert Haefs den immergleichen Regalplatz zu erobern?
Nee, haben sie nicht. Das kann daran liegen, dass auch für sie "variatio delectat" gilt, oder daran, dass es immer mehrere Verlage waren. Außerdem ist es doch nett, Plätze in mehreren Regalen zu haben, oder? Ich finde, man muss die Gebiete, auf denen man versagen könnte, so weit streuen, dass außer einem selbst keiner sie überblicken kann.
Du hast Jorge Luis Borges und Rudyard Kipling übersetzt und die Neuausgabe der Sherlock Holmes-Geschichten von Conan Doyle betreut. Deine Schwester Gabriele Haefs und dein Bruder Hanswilhelm Haefs sind ebenfalls literarische Übersetzer. Wird Sprachgefühl vererbt, oder habt ihr eine besondere Erziehung genossen, die eure Begabung verstärkt hat?
Bei uns ist immer viel gesprochen, auch erzählt worden. Eine meiner liebsten Krankheitserinnerungen (sofern man sich gern an Krankheiten erinnert) betrifft meinen Großvater, der sich da muss ich vier oder fünf gewesen sein an mein Bett setzte und mir Grimms Märchen nicht vorlas, sondern erzählte. Sicher war für uns alle Sprache immer wichtiger als zum Beispiel Zahlen. Nicht zu vergessen auch, dass wir alle mathematisch-naturwissenschaftlich keine Leuchten sind und mit den Händen nicht viel zustandebringen, also für anständige Berufe wie Fliesenleger oder Schreiner nicht taugen. Was bleibt einem da übrig?
Schon bevor Filme wie "Gladiator", "Alexander" oder "Troja" in die Kinos kamen, hast du deine historischen Romane in der Antike angesiedelt. Was fasziniert dich an dieser Zeit?
Für mich ist Europa vor allem griechisch-römisch, nicht jüdisch-christlich. Intellektuelle Offenheit, philosophische und wissenschaftliche Neugier, rationale Gesetzeswerke, nicht zu vergessen die simple Tatsache, dass wir erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts den
zivilisatorischen Stand des Imperium Romanum (Verkehrswege, Versorgung mit sauberem Wasser usw.) wieder erreicht haben, all das und auch die Grundlagen der Kunst und Literatur haben wir von der Antike geerbt. Dazu kommen natürlich tolle Geschichten und interessante Gestalten. Etwas provokanter formuliert: Für mich ist die Erfindung des Monotheismus die größte aller Menschheitskatastrophen, und vielleicht kann uns die Beschäftigung mit den Dingen, wie sie waren, bevor religiöse Fundamentalisten aller Arten ihre Terrorregime errichteten, bei der Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft helfen
Fragesteller: Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)
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