(In: Federwelt Newsletter Nr. 60 vom März 2005)
Sie sind Programmchef im Verlag Rütten & Loening, zugleich aber auch Krimi-Autor bei Goldmann. Ist es nicht seltsam, beim Konkurrenten Random House verlegt zu werden?
Reinhard Rohn: Es ist vielleicht seltsam, wenn ein Programmchef oder Lektor selbst Bücher schreibt, aber es ist eigentlich guter Brauch, dass man seine Bücher dann nicht im eigenen Haus veröffentlicht. Das könnte in der Tat zu Konflikten führen. Kümmerte man sich zu sehr um das eigene Buch, würde dieses Engagement anderen Autoren möglicherweise nicht recht sein; kümmerte man sich zu wenig, könnte das dem Haus schaden. Ich war ganz froh, ein Angebot von einem Verlag zu erhalten, mit dem ich ansonsten wenige persönliche Beziehungen hatte. Ich verhalte mich im übrigen auch - so glaube ich - wie ein sehr pflegeleichter Autor, der weder beim Cover noch bei der anderweitigen Präsentation dem Verlag dazwischen pfuscht.
Selbst hauptberufliche Autoren publizieren oft nicht mehr als ein Buch pro Jahr. 2004 sind zwei Romane von Ihnen erschienen ("Die weiße Sängerin", "Der glückliche Tote"). Wie schaffen Sie es, wenn Sie müde und überarbeitet nach Hause kommen, noch Spannkraft fürs Schreiben aufzubringen?
Die Antwort ist leicht: Ich habe eine Geschichte und muss dann lediglich noch die Disziplin finden, sie umzusetzen. Das ist in der Tat -- wie bei allen Autoren -- harte Arbeit. Von anderen Autoren wird mir oftunterstellt, ich müsse ja wie im Rausch schreiben. Keineswegs. Mehr als drei Seiten am Abend schaffe ich nie. Allerdings sind meine bisherigen Bücher auch nicht sehr umfangreich. Manchmal kommt mir das eigene Schreiben -- und das ist vermutlich einer der Gründe, warum ich es überhaupt tue -- wie eineGegenarbeit zu dem vor, was ich im Verlag jeden Tag mache. Die Freiheit beim eigenen Schreiben ist viel größer, als wenn man mit Texten anderer arbeitet.
Sie haben von 1987-1994 als Lektor bei Bastei-Lübbe gearbeitet. Mußten Sie für Ihre anschließende Zeit in der Aufbau Verlagsgruppe den Entscheider-Blick verändern? Anders formuliert: Haben Sie als Programmchef bei Rütten & Loening Bücher abgelehnt, die Sie bei Bastei-Lübbe veröffentlicht hätten und umgekehrt Bücher genommen, die Sie bei Bastei-Lübbeabgelehnt hätten, weil der Charakter des Verlags eine andere Art von Romanen erforderte?
Der Blick hat sich sicherlich verändert. Zum einen war ich bei Bastei-Lübbe nur für einen kleinen Teil des Programms verantwortlich, zum anderen ist das Profil von Rütten & Loening bzw. Aufbau doch ein anderes, wenn es auch -- vor allem bei Rütten -- durchaus Überschneidungen gibt. Wir verstehen uns als ein Verlag, der anspruchsvolle Unterhaltung bietet. Da liegt die Meßlatte, was wir unserem Publikum -- und das sind zunächst Buchhändler und dann Leser -- offerieren, in der Regel höher als bei einem großen Taschenbuchverlag, der auf den Einfluss und die Kraft seines Vertriebes setzt. So muss zum Beispiel ein historischer Roman bei Rütten mehr bieten als reines "Lesefutter", und auch im Spannungsroman sollteein guter Titel mehr haben als eine interessante Geschichte; Hintergrund, Figuren, Stil müssen stimmen.
Fragesteller: Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)
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© Sandra Uschtrin | Uschtrin Verlag | 2010
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