Uschtrin-Logo
der Literaturbetrieb
das Handbuch
die Uschtrin

zurückzurück zu: "3 Fragen an ..." - Personen aus der Buchbranche im Kurzinterview mit Titus Müller

... Kai Meyer
(
Autor)
erstellt am: 4. April 2005

(In: Federwelt Newsletter Nr. 61 vom April 2005)

Drei Fragen an ... Kai Meyer (Autor)  
 
Die klassische Vorstellung eines Schriftstellers beinhaltet, dass er Marketing und Vertrieb verachtet. Kümmern dich Verkaufszahlen, Werbemöglichkeiten, Medienrummel? Wendest du Zeit dafür auf, deinen Erfolg als Schriftsteller zu festigen?
 
Wer Marketing und Vertrieb verachtet, unterliegt einem grundlegenden und wirklich fatalen Irrtum. Beide arbeiten doch nicht gegen, sondern für mich! Als Autor verkauft man in erster Linie sich selbst und seine eigene Leistung, darum müssen einen Marketing, Werbung, Auflagenzahlen und so weiter zwangsläufig interessieren. Andererseits habe ich tatsächlich nur ein einziges Mal ein Thema nach möglicher Akzeptanz beim Publikum gewählt, wirklich nur dieses eine Mal, und zwar bei "Hex". Und das ist prompt in die Hose gegangen. Jedenfalls war es nicht gerade ein durchschlagender Erfolg. Ich kann endlos mit Lektoren und Verlagsleuten diskutieren und weite das im Moment, so gut es eben geht, auch auf Verlage im Ausland aus - Gespräche über Cover, Vermarktung etc. -, aber ich habe keine großen Ziele, auf die all das abzielt, abgesehen von der möglichst weit gestreuten Verbreitung meiner Geschichten und einer bestmöglichen finanziellen Absicherung.
 
Albertus verschweigt im "Buch von Eden" die Reisedetails, obwohl er die Route der Gruppe von Anfang bis Ende kennt. Man kann darin eine Technik des Spannungsaufbaus sehen: Der Leser soll nicht wissen, was geschehen wird, deshalb darf Albertus seinen Begleitern nicht im Vorhinein die Reise erklären. Gehst du strategisch an so etwas heran?
 
Es gibt zwei Arten von Spannung: Die kurzfristige, spontane, die sich aus den Konstellationen innerhalb einer einzelnen Szene ergibt. So etwas kann man improvisieren, wenn man ein wenig Instinkt und Talent hat. Und dann sind da natürlich die großen Spannungsbögen, über die jede gute Geschichte verfügen sollte - und für die ist Planung meines Erachtens nach absolut unerlässlich. Ich bin großer Verfechter von Exposés, also durchkonstruierten Plotgerüsten. Ich konzipiere jeden Roman von Anfang bis Ende durch, auf dreißig, vierzig, fünfzig Seiten, ehe ich mich ans erste Kapitel setze. Oft genug weiche ich in Details davon ab - seltener auch mal in größeren Dingen -, aber das Skelett der Geschichte bleibt unverändert. Dadurch bin ich mir sehr bewusst, über welche Informationen die Protagonisten und natürlich auch die Leser zu jedem Zeitpunkt der Geschichte verfügen. Was wiederum eine Grundvoraussetzung für Spannungsaufbau ist. Breite Spannungsbögen, die sich durch den gesamten Roman ziehen, sind immer auch ein Spiel mit Wissen und Nicht-Wissen.
 
Kennst du Selbstzweifel?
 
Selbstzweifel gehören dazu, oder? Ich bin nie zufrieden mit meinen Texten - jedenfalls nicht in allen Details oder Formulierungen -, und das wird sich wohl auch nicht legen. Ich denke aber, das geht allen Autoren und Autorinnen so. Oder fast allen. Mich wundert es immer, dass Leute wie Anne Rice sich plötzlich weigern, ihre Texte lektorieren zu lassen: Da muss jedes Wort so im Buch stehen, wie es aus ihrer Poetenfeder geflossen ist. Nun war sie vorher schon nicht besonders lesbar, finde ich, aber seitdem ist es ganz schlimm. Also: Fehlende Selbstzweifel führen ganz schnell zu Selbstüberschätzung, und die kann man sich nicht leisten, wenn man kreativ etwas erschafft, das in erster Linie von der Akzeptanz anderer abhängig ist.
 
Mehr von und über Kai Meyer unter www.kaimeyer.com.


Fragesteller: Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)

zurückzurück zu: "3 Fragen an ..." - Personen aus der Buchbranche im Kurzinterview mit Titus Müller


© Sandra Uschtrin | Uschtrin Verlag | 1997–2012

über 25 Jahre "Handbuch für Autorinnen und Autoren"
Die Jubiläumsausgabe!
Hardcover. 704 Seiten. 49,90 EUR. www.uschtrin.de/handbuch.html

Uschtrin Verlag,Taxisstr. 15, D-80637 München, fon: +49 (0) 89 159 80 166, fax: +49 (0) 89 159 80 167
eMail: info@uschtrin.de, Internet: www.uschtrin.de