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... Helga Schütz
Schriftstellerin und Drehbuchautorin
erstellt am: 11. Januar 2006

(In: Federwelt Newsletter Nr. 69 vom Dezember 2005)

Drei Fragen an ... Helga Schütz (Schriftstellerin und Drehbuchautorin)

In Ihrem neuen Roman "Knietief im Paradies" geht es um Eli, die die Dresdener Bombennacht wie durch ein Wunder überlebt hat. Wie kommt es, dass Sie Ihre Figuren immer wieder so weit zurückblicken lassen?

Ich gehe in die Vergangenheit zurück, weil manche Erinnerungen mich nicht loslassen, sie hängen mir an, manche erscheinen mit den Zeiten und den Erfahrungen in anderem Licht. Sie erhalten andere Farben. Erschließen mir einen überraschend freien Erzählraum. Durch die Geschichten, die ich erzähle, erhellt sich vielleicht ein Stück Vergangenheit und Fremde, aber auch ein gegenwärtiges Lebensgefühl. "Knietief im Paradies" war überhaupt nicht als Kriegs- oder Nachkriegsroman gedacht, sondern sollte an mein Gartenbuch "Dahlien im Sand" anschließen. Und das tut es ja in gewisser Weise auch. Eli ist wie ich Gärtnerin und hat deshalb eine ganz bestimmte Perspektive auf das Leben. Aber sie nutzt ihr botanisches Wissen und ihr Handwerk auf eigene listige Eli-Art, zum Beispiel um ihre Angst zu überwinden, um unauffällig, fast unsichtbar zu sein und andererseits, um sich selbstbewusst bemerkbar zu machen.

In "Grenze zum gestrigen Tag" erzählen Sie von der DDR-Realität. Sie thematisieren da das Leben mit Grenztürmen, Minen, Stacheldraht und Wachhunden und rücken mit dem Thema näher an die Gegenwart heran, kommen aber doch nicht bei der "Wende" an?

Äußerlich geht es um die Grenzerfahrung an der Mauer. Aber das unterstützt nur die Hilflosigkeit der Frau, deren Tochter stirbt und deren Mann ausgebürgert wird, so dass sie am Ende ganz allein ist. Sie, die vorher so gebraucht wurde, ohne die gar nichts ging, ist auf einmal allein und wird überhaupt nicht mehr gebraucht. Das hätte überall auf der Welt passieren können. In der DDR spielt das ganze, weil das mein Terrain war, weil darin mein Garten samt Mauer lag. Das hat mich wie das schlesische Dorf und die schöne Trümmerstadt Dresden geprägt. Ich habe das Buch, dessen Handlung in den Siebzigern spielt, erst etwa zehn Jahre nach der Maueröffnung geschrieben. Der zeitliche Abstand ermöglicht einen tieferen Blick, jenseits von Euphorie und Nostalgie. Die Frau in diesem Roman kann weder gegen den Tod noch gegen Grenzen etwas ausrichten. Die Mauer steht von den Mächtigen der Welt wie für die Ewigkeit gemacht. Was sich auf der anderen Seite befindet, ist für alle Zeit unerreichbar. Die Einsamkeit dieser Frau ist in diesem Augenblick ihres Lebens wirklich perfekt.

Was bedeutet das Schreiben für Sie persönlich?

Einerseits befreit es mich, weil ich mir meine Erfahrungen von der Seele schreibe, mich mit den Gedanken auseinandersetzen kann, die mich beschäftigen. Anderseits fesselt das Schreiben aber auch. Ich fühle mich mit dem ersten Satz dem, was werden soll, verpflichtet. Zum Beispiel ist es eine Verantwortung, die gerade jetzt zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes mit einem Romanstoff wie dem von "Knietief im Paradies" verbunden ist, auch wenn das Buch ursprünglich anders angelegt war. Man begibt sich in eine Abhängigkeit gegenüber der Geschichte, die erzählt werden will. Ich muss den Figuren nachgeben und -gehen. Früher oder später gibt es eine Verabredung zwischen dem Autor und dem entstehenden Roman. Dann bin nicht mehr frei.

Das Interview führte Anette Stührmann.

Fragestellerin: Anette Stührmann (für gewöhnlich Titus Müller)
Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)

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