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... Andreas Malessa
Journalist
erstellt am: 15. März 2006

(In: Federwelt Newsletter Nr. 72 vom März 2006)

Drei Fragen an ... Andreas Malessa (Journalist)

Sie rezensieren Bücher für DeutschlandRadio Kultur. Werden Ihnen die Titel von den Verlagen zugeschickt, oder wenden sich Autoren direkt an Sie?
 
Die Verlage faxen oder mailen ihre Frühjahrs- und Herbst-Vorankündigungen oder schicken Ihre Kataloge, und ich suche aus, was speziell für die Redaktionen, für die ich arbeite, interessant sein könnte. "Religion und Gesellschaft" beim DLR, "Sonntagmorgen Magazin" bei HR 1, "Kirche & Gesellschaft" beim SWR, "Sachbuch Philosophie & Ideengeschichte" im "Radiofeuilleton" des DLR. Was könnte dafür interessant sein, was "passt" auf den Sendeplatz? Dann schicken mir die Verlage, wenn’s schnell gehen muss, die Druckfahnen oder ein fertiges Leseexemplar des Buches.
Erfahrene Pressedamen und -herren in den Verlagen kennen die thematischen Vorlieben ihrer Pappenheimer und rufen manchmal sogar an, wenn was ganz Tolles in der Mache ist. Denn: Je eher wir’s planen können, umso größer die Chance, einen Sendeplatz zu bekommen. (Negativ-Beispiel: Am 4. Februar 2006 war der 100. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers. Die Sendungen und Buchvorstellungen dazu wurden Ende November 2005 geplant. Am 20. Januar ruft mich ein Verlag an, ob ich ein Interview mit der Schwiegertochter des Henkers von Bonhoeffer machen möchte. Tja, schade ...)
 
Wie wählen Sie die Bücher aus, die dann ins Radioprogramm kommen?
 
Erstes Auswahlkriterium Belletristik: Sind die religiösen bzw. weltanschaulichen Überzeugungen und ethischen Entscheidungen des oder der Hauptprotagonisten essentiell für den Plot? Wird die Geschichte vorangetrieben durch etwas, was UNSER Sendeplatz zum Thema hat? (Religion und Ethik müssen mehr als nur dekorative Kulisse oder Staffage sein. Dass ein Mord im Kloster passiert, ist noch kein Grund, den Krimi bei uns vorzustellen.) Zweites Auswahlkriterium: Genügt das sprachlich-dramaturgische Niveau für unseren Sendeplatz? Wir machen nun mal "Kulturradio", wir sind die gesendete ZEIT, nicht die gesendete BILD. Fließbandware und Triviales kann gerne in Unterhaltungssendungen verlost ("ruf mich an, dann kriegste ‘n’ Schmöker"), aber nicht von mir besprochen werden.
Erstes Auswahlkriterium Sachbuch: Bringt dieses Buch tatsächlich neuen Erkenntnisgewinn, trägt das Buch substantiell etwas zur (Fach-)Diskussion bei? Den hundertsten Aphorismenband des Dalai Lama oder den zweihundertsten Heimwerker-Ratgeber ("Fünf Tibeter für Opel Astra Fahrer") sollen bitte andere besprechen. Zweites Auswahlkriterium Sachbuch: Ist der Autor/die Autorin für dieses Thema fachlich qualifiziert, oder wurde das Buch nur gemacht, weil der/die zu allem was schreiben kann?
 
DLR Kultur, SWR Fernsehen, Hessischer Rundfunk ... Was würden Sie jungen Nachwuchsjournalisten sagen, die Ihren Karriereweg nachahmen möchten?
 
Learning by doing. Hoffen Sie nicht auf immer neue, modisch und vollmundig formulierte Studiengänge und Fachrichtungen, mit denen private "Institute" und staatliche Hochschulen junge Leute vom Arbeitsmarkt fernhalten, sondern kaufen Sie sich ein Aufnahmegerät und reportieren Sie die Briefmarkenbörse und das Jahresfest der Kleingärtner für Ihre Lokalzeitung. Wer das Besondere, das Interessante, das "Neue" einer Altenheim-Einweihung in 3.000 Zeichen rüberbringen konnte, kann das auch in 2'30" für den Lokalsender. Und wer daheim am Cutmaster oder im Studio zwei Jahre lang sein eigenes Rohmaterial geschnitten, gemischt und getextet hat, der macht dann auch als freier Mitarbeiter einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt nicht alles falsch.
Ich habe weder Journalismus studiert noch irgendein Volontariat gemacht. Habe aber bei der Schülerzeitung angefangen, bei einem Privatsender gelernt und dann beim Deutschlandfunk dank der unbestechlichen Kritik und des geduldigen Vertrauens eines wunderbaren Förderers den Wurf ins kalte Wasser überlebt. Live. 55 Minuten lang ...
Die meisten Sender haben Einstellungsstopp. Manche ARD-Anstalten verbieten ihren Redakteuren sogar, neue, junge freie Mitarbeiter zu beschäftigen. Das ist journalistisch der kreative Selbstmord auf Raten, es ist unternehmerisch kurzsichtig und es ist menschlich schäbig. Aber: Während die Personal- und Budget-Planer, die Hierarchen und Gremienpäpste noch in ihre Sitzungssessel pupsen, muss ja da draußen im richtigen Leben irgendwas gesendet werden, muss es ja ganz praktisch irgendeiner MACHEN.
Insofern sehe ich durchaus Chancen für Nachwuchs-Journalisten. Ob das gleich "Karrieren" sind, die da beginnen, weiß ich nicht. Aber Einstiege ins Erwerbsleben sind es allemal.


Fragesteller: Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)

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