(In: Federwelt Newsletter Nr. 74 vom Mai 2006)
Drei Fragen an ... Theo Breuer (Lyriker und Verleger)
Wirtschaftlicher Erfolg ist mit Lyrik zurzeit kaum möglich. Dennoch gibt es eine lebendige Lyrik-Szene im deutschsprachigen Raum. Wie viele Gedichtbände erscheinen pro Jahr?
Ich unterscheide bei dieser Frage zwischen seriösen Literaturverlagen (Großverlage, Kleinverlage und Handpressen) sowie den unseriösen Hai-Verlagen der Vanity Press (die meines Erachtens keine Verlage im engeren Sinne sind).
In den ca. 500 kleinen, mittleren und großen seriösen Verlagen im deutschen Sprachraum erscheinen zwischen 2.000 und 3.000 Lyrikbände im Jahr. Der Löwenanteil wird von den Überzeugungstätern in den kleinen Verlagen (von denen die meisten Einmannverlage sind) herausgebracht.
Obwohl ich täglich Lyrik lese, kann ich also nur einen kleinen Teil der 2.000 bis 3.000 mehr oder weniger interessanten und originellen Neuerscheinungen in der Lyrik zur Kenntnis nehmen.
Wie viele Leser erreicht ein Gedichtband im Schnitt? Was sind die "Ausreißer" nach oben, die Überflieger in der Publikumsgunst?
Von "Publikum" kann man in der Lyrikszene kaum sprechen. Im deutschen Sprachraum gibt es deutlich weniger Lyrikleserinnen und Lyrikleser als jährliche Neuveröffentlichungen. Dabei definiere ich den Lyrikleser im engeren Sinne als den Leser, der täglich Lyrik liest, der sich mit Lyrik und Lyriktheorie befasst, der sich die Lyrikwelt als Ganzes erlesen will. Thomas Kling spricht von 300 Lesern dieser Art, Hans Magnus Enzensberger hat großzügige 1354 ausgerechnet, ich lege mich einmal bei rund 1000 fest. Typische Auflagen für lyrische Einzeltitel sind 250, 500 und 750. Lyirkanthologien haben Auflagen von ca. 500 bis 3.000. Der Neue Conrady. Das große deutsche Gedichtbuch hat mehrere Auflagen und Ausgaben im Bereich von über 12.000 verkauften Exemplaren erlebt.
Es gibt unter den Einzeltiteln keine Auflagen mehr, wie sie einst Wondratschek und Fried erlebten. Diese riesigen Zahlen kommen uns heute wie Wunder vor. Lyriker und Lyrikleser sind nach 2000 eine (vitale!) Geheimgesellschaft, die in der von anderen, leider wahnsinnig mächtigen Medien beherrschten Öffentlichkeit - außer vielleicht mit der einen oder anderen Luftblase am Welttag der Poesie - kein nachhaltiges Interesse mehr weckt.
In deinem im November 2005 erschienenen 520seitigen Buch "Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000" hast du über 1.000 Gedichtbände bibliographiert und zum Teil auch kommentiert. Welchen drei Lyrikern würdest du mehr Aufmerksamkeit wünschen?
Für diese Frage bin ich nicht der richtige Adressat. Warum drei und nicht vier? Warum nicht zwei oder zehn? Wie du während der Lektüre von "Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000" feststellst, geht es mir ja eben nicht um einzelne Autoren, sondern um die Gestalt der Lyrik als Ganzes. Namen sind dabei unwesentlich. Deshalb wünsche ich jedem der zurzeit etwa 1.000 bis 2.000 interessanten und originellen Lyriker mehr Aufmerksamkeit (und jedem unter den Tausenden von uninteressanten und unoriginellen umso weniger).
Ein Kapitel in "Aus dem Hinterland" heißt Sistiger Favoriten. Darin können die zwölf primae inter pares nachgelesen werden, von denen verstreut im ganzen Buch rund zwei Dutzend zu finden sind. Ich peile mal über den Daumen: Rund 20 Lyrikerinnen und Lyriker von etwa 2.000 stellen für mich das aktuelle Sahnehäubchen auf dem Poesiebaumkuchen dar. Ich verweigere mich dem name dropping des Feuilletons, das immer nur einigen wenigen Preisträgerinnen und Preisträgern einen Nebenschauplatz gewährt. Nein, das Gedicht an sich braucht wieder mehr Aufmerksamkeit! Dabei ist es letztlich unerheblich, ob es vor tausend Jahren geschrieben wurde oder heute. Nur frisch muss es sein, frech, provokativ, vor allem aber, um mit Rimbaud zu sprechen: absolument moderne ...
Fragesteller: Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)
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