(In: Federwelt Newsletter Nr. 79 vom Oktober 2006)
Drei Fragen an ... Michael Bregel (Übersetzer und Comicautor)
Du übersetzt Disney-Geschichten für das Micky Maus-Magazin, das Lustige Taschenbuch und viele andere Comicbücher oder -hefte. Bekommst du als Vorlage die Bilder mit leeren Sprechblasen und musst deinen Text so schreiben, dass er passt?
Die Art der Comic-Vorlage und wie "fertig" sie schon ist, ist von Auftrag zu Auftrag sehr unterschiedlich. Viele Disney-Geschichten kommen in Schwarzweiß, mit durchnummerierten Textteilen und bereits fertig im originalsprachlichen Text gelettert. Für die Micky Maus sind die meisten in amerikanischem Englisch, fürs LTB oft Italienisch, weil da die meisten Storys aus Italien kommen. Wenn eine Geschichte zum ersten Mal veröffentlicht werden soll, bekomme ich auch gelegentlich einfach Kopien der getuschten Seiten mit leeren Sprechblasen und das Skript des Autors dazu, aus dem ich mir dann die Blasentexte raussuche.
Bei Comic-Vorlagen, die "vierreihig" sind, also vier Reihen Bilder pro Seite haben (das LTB zum Beispiel hat nur drei) und bei uns auch in Heftform erscheinen sollen, messe ich jede einzelne Sprechblase mit einem Zeilenmaß aus. Daraufhin texte ich die deutschen Fassungen so, wie sie in die Blasen passen. Bei anderen Seitenformaten oder wenn zum Beispiel andere Schriftarten verwendet werden sollen, muss man einen Text oft auch mal längenmäßig einfach über den Daumen peilen. Aber dafür bekommt man nach einiger Zeit ein ganz gutes Gefühl. Und dann gibt's da ja auch noch erfahrene Redakteure, die im Zweifel möglichst zärtlich die Schere ansetzen.
Gerade ist deine erste Graphic Novel erschienen, unter dem Titel: "Basileia. Das Vermächtnis des Mönchs". Was bedeutet es, ein ganzes Szenario zu schreiben, und nicht nur die Dialoge?
Beim Übersetzen hat man normalerweise eine fertige Geschichte vor sich, die man sich in den seltensten Fällen selbst ausgedacht hat. Man muss also zunächst nachvollziehen, was sich der Autor in Sachen Erzählrhythmus und Tonfall gedacht hat und dann versuchen, das in einer deutschsprachigen Fassung adäquat rüberzubringen. Dabei sollte man genau auf die jeweiligen Bilder achten und versuchen, möglichst im Text den Zusammenhang zur Grafik zu vermitteln.
Wenn man eine Geschichte komplett selbst schreibt, sind dagegen aus meiner Sicht eigentlich die Dialoge der einfachere Teil, weil man ja beim Verfassen des Sprechtextes der Figuren im Optimalfall ziemlich genau weiß, wo man parallel dazu mit den selbstausgedachten Seitenlayouts und den Einzelbildern, die man dem Zeichner ins Szenario geschrieben hat, hin will. Man muss sich so ein Szenario eher wie die Arbeit an einem Film-Drehbuch vorstellen, bei dem man nicht nur die Dialoge und Erzählkasten-Texte, sondern auch Seitenaufbau, Perspektiven und Blickwinkel vorgibt.
"Basileia" ist mein erstes Szenario für einen Comic im Album-Format, davor habe ich aber schon diverse kürzere Gag-Storys für Disney geschrieben. Dabei habe ich festgestellt, dass zwischen so verschiedenen Comic-Formen wie Funny oder Graphic Novel sogar bei der Arbeit an Szenarien die Unterschiede so gravierend sind, dass man eigentlich nur noch rein formal von der gleichen Tätigkeit sprechen kann. Eine unterhaltsame Donald-Duck-Geschichte auf sechs Seiten mit diversen Zwischengags auf eine Pointe hinzuentwickeln hat mit dem Schreiben einer langen Erzählgeschichte mit reichlich historischen Fakten und politischen und philosophischen Inhalten wie "Basileia" eigentlich nur insofern zu tun, als dass beide Manuskripte am Ende irgendwie nach Drehbuch aussehen.
Kann man von Comics leben? Immerhin hast du deinen Beruf als leitender Redakteur bei der Berliner Morgenpost aufgegeben, um dich den Comics zuzuwenden. Bereust du es manchmal?
Nein, ich habe das noch keine Sekunde bereut, weil ich zwar ausgebildeter und begeisterter Journalist bin, aber Comics absolut mein Leben sind. Zumal ich zwar kein festangestellter Redakteur mehr bin, aber als Autor und in der Endredaktion nach wie vor gelegentlich für die Berliner Morgenpost und die WELT arbeite, also keineswegs auf das journalistische Element in meinem Leben verzichten muss. Das legt schon nahe, dass man ausschließlich vom Comics-Übersetzen in Deutschland meiner Ansicht nach nicht leben kann. Das sage ich, obwohl oder gerade weil ich aktuell wohl einer der meistbeschäftigten Comic-Übersetzer im deutschsprachigen Raum bin.
Von Comics allgemein kann man aber durchaus leben, wenn man in diesem Zusammenhang in verschiedenen Bereichen zu arbeiten bereit und in der Lage ist. Ich mache zum Beispiel neben gelegentlichen Skripten für Storys auch noch viele redaktionelle Tätigkeiten für Comic-Magazine, schreibe Klappentexte oder führe hier und da mal für einen Band ein Interview mit anderen Comic-Schaffenden. Das alles zusammengenommen, kann man mit einem gewissen Grad an Selbstausbeutung und etwas Glück schon auf ein auskömmliches Salär kommen.Fragesteller: Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)
|
© Sandra Uschtrin | Uschtrin Verlag | 19972012
über 25 Jahre "Handbuch für Autorinnen und Autoren"
Die Jubiläumsausgabe!
Hardcover. 704 Seiten. 49,90 EUR. www.uschtrin.de/handbuch.html
Uschtrin Verlag,Taxisstr. 15, D-80637 München, fon: +49 (0) 89 159 80 166, fax: +49 (0) 89 159 80 167
eMail: info@uschtrin.de, Internet: www.uschtrin.de