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... Roman Hocke
Literaturagent (AVA international)
erstellt am: 21. Januar 2008

(In: Federwelt Newsletter Nr. 93 vom Dezember 2007

Drei Fragen an ... Roman Hocke (Literaturagent, AVAinternational)

Sie haben den Thriller "Die Therapie" Ihres Autors Sebastian Fitzek in die USA und nach England verkauft. Gibt es international wieder größeres Interesse an deutschen Autoren?
 
Es ist tatsächlich so, dass seit einigen Jahren das Interesse an deutschen Autoren im Ausland deutlich gewachsen ist. Deutsche Autoren werden zwar immer noch nur vereinzelt in den englischen Sprachraum übersetzt, die übrigen Länder Europas kaufen aber inzwischen sehr gerne Lizenzen von uns ein - und es sind auch nicht immer allein die Bestseller.
 
Bedenken Sie bitte, dass sich die deutsche Literatur in den letzten fünfzig Jahren stark verändert hat. Das liegt vor allem daran, dass es auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Erzähler gibt, die es verstehen, eine Geschichte nach allen Regeln der Erzählkunst in Szene zu setzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das in unserem Land verständlicherweise kaum noch möglich. Nach den grauenvollen Kriegsereignissen und dem erschütternden Völkermord an den Juden, von dem man Zug um Zug erfuhr, schien es fast frevelhaft, unterhaltende Geschichten zu erzählen, erst recht keine sinnvollen oder gar schönen. Da ging es erst einmal darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten, sich der Schuldfrage zu stellen und eine neue Lebensgebärde zu finden, mit der man sich identifizieren konnte. Alle Naivität war futsch. Das Spielerische, das Leichte, das Augenzwinkernde sind aber Hauptingredienzien für eine gute Geschichte. Ich erinnere mich daran, dass damals in meinem Elternhaus gerne die Unmöglichkeit des Geschichtenerzählens thematisiert wurde: Nach Ausschwitz könne man sich keine kunstvollen Sinngebilde mehr leisten. Es herrsche die Sprachlosigkeit vor. All diese Werke wurden mit großem Interesse im Ausland registriert und auch geschätzt, doch Verkaufserfolge bei einem breiten Publikum sind sie nicht geworden. Bald entwickelte die deutsche Literatur den Nimbus des Intellektuellen, des Schwerverkäuflichen.
 
Als einen der der ersten deutschen Autoren, der wieder Geschichten erzählte, habe ich persönlich Michael Ende erlebt. Vielleicht ist ihm dies gelungen, weil er seine Geschichten für das "Kind im Menschen" verfasste, wie er das nannte, sich mit seinen Märchenromanen nicht ausdrücklich an ein erwachsenes Publikum richten wollte. Ich habe damals die Bücher von Michael Ende mit Begeisterung gelesen, schien es mir doch, als habe jemand ein lange verschlossenes Fenster geöffnet, durch das endlich neue, frische Luft in unser Wohnzimmer einströmen konnte. Seine Romane wurden große Bestseller, bei erwachsenen Lesern und vor allem auch im Ausland. Er gilt heute noch als der erfolgreichste deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit. Ich weiß von einigen Vollbluterzählern, heute von Rang und Namen, die mit den Romanen von Michael Ende aufgewachsen sind, und dessen Romane ebenso dankbar wie ich als frischen Wind empfunden haben. Sie sind den damals beschrittenen Weg weiter gegangen. Sicherlich hat er auch im Ausland das Bild des deutschen Erzählers neu geprägt.
 
Heute spielen deutsche Geschichten wieder eine ernstzunehmende Rolle in der Welt. Wie schon erwähnt: Wir verkaufen die Romane unserer Autoren vornehmlich nach Europa, und zwar in dessen Westen wie Osten, in dessen Süden wie Norden. Es ist schon erstaunlich, wie rege Kultur innerhalb der Grenzen Europas ausgetauscht wird - das macht mich richtig stolz, Europäer zu sein. Aber auch Verlage in Russland, Korea, Israel, Türkei, China, Taiwan, Japan interessieren sich für deutsche Autoren. Sebastian Fitzeks Romane haben wir mittlerweile in 20 Länder verkauft.
 
Peter Prange ist mit "Der letzte Harem" auf der Bestsellerliste, Markus Heitz mit "Die Kinder des Judas" - was bedeutet es für Sie und Ihre Agentur, wenn Ihre Autoren große Erfolge feiern?
 
Meine Autoren liegen mir alle am Herzen und ich fühle mich für sie gleichermaßen verantwortlich. Ich sehe es erst einmal als meine Hauptaufgabe, die AVA-Autoren dorthin zu bringen, wo sie sich das wünschen. Das gelingt mir leider nicht immer. Umso mehr freue ich mich, wenn ein Autor wieder die Zielgerade erreicht, wie das bei den beiden Genannten der Fall ist. Erfolge sind nicht allein schön und erfreulich, sie sind vor allem geschäftlich wichtig, denn sie öffnen neue Türen: Im In- wie auch im Ausland werden wir durch diese beiden Bestseller auch dieses Jahr wieder gute Chancen bekommen, nicht allein was Prange und Heitz betrifft. Verlage, aber auch Filmproduzenten werden das gesamte Programm der Agentur genauer unter die Lupe nehmen.
 
Sind Sie derzeit offen für weitere Autoren? Wenn nicht, welche Art von Manuskript könnte Sie überzeugen, dennoch einen weiteren Autor aufzunehmen?
 
Uwe Neumahr und ich haben es in großen Lettern auf die Agenturfahne geschrieben: Wir sehen es als unsere Aufgabe, Verlage auf neue Talente aufmerksam zu machen. Die Pflege unserer Hausautoren durch ein volles Service-Angebot ist sehr wichtig, es ist sozusagen unser Standbein, ohne das wir nicht existieren könnten. Jeder Mensch steht aber auf zwei Beinen, deswegen ist für uns die Entdeckung neuer Autoren ein sehr wesentlicher Teil unserer Aufgabe. Sind Hausautoren unser Standbein, ist die Entdeckung neuer Autoren unser Spielbein.
 
Uwe Neumahr hat die feste Aufgabe, die eingehenden Manuskripte zu prüfen, zweimal im Monat setzen wir uns einen langen Tag zusammen, um die Projekte, die in die engere Runde gewählt wurden, auf Herz und Nieren zu prüfen. Kann der Autor erzählen? Wer ist der Autor? Hat er eine Welt? Woher kommt er, wohin will er? Hat die Geschichte einen Markt? Und vor allem: Hat der Inhalt die ihm gemäße Form? Steckt sie in dem richtigen Genre, beispielsweise? Wie lässt sie sich am Besten verpacken? Sie sehen, es gibt unzählige Fragen, die beantwortet werden müssen, bevor wir uns entscheiden können, einen Autor, der sich bei uns beworben hat, zu einer Zusammenarbeit aufzufordern.
 
In aller Regel fordern wir den Autor anschließend auf, sich mit uns zu einem Gespräch zu treffen - schließlich wollen wir auch noch wissen, ob wir uns auf einer gleichen Wellenlänge befinden. Wir sind nicht die Schnellsten, ich weiß, dass wir längere Wartezeiten haben, über die sich viele Autoren beklagen, doch beschäftigen wir uns auch intensiv mit den interessanten Angeboten, sichern uns ein Projekt nicht durch rasche Zusendung eines Agenturvertrages, sondern bemühen uns, den tatsächlichen Wert zu prüfen und in eine Strategie zu stellen. Um also Ihre Frage ganz direkt zu beantworten: Ja, wir haben großes Interesse an Autoren; an Autoren, die die Schriftstellerei als Profession betrachten, deren Anliegen es ist, unterhaltende Geschichten als Roman und Sachbuch zu schreiben, die weit über ihre persönlichen Bekanntschaftskreise hinaus wirken sollen; an Autoren, die sich nicht allein von der Muse küssen lassen, sondern das Schreiben als ein Handwerk verstehen, das Inhalte und Anliegen, die sich ständig ändern, wie sich auch unsere Gesellschaft ändert, in die ihnen gemäße Form bringt, die ebenso ständiger Wandlung unterliegt. Wer sich da allein an vergangenen Vorbildern orientiert, verpasst die Begegnung mit dem Zeitgeist genauso wie derjenige, der allein Neues schöpfen will. Wer beispielsweise Thriller schreiben will, muss alle guten Thriller auf dem Markt kennen: beste Voraussetzung, um die Erwartungen seiner Leserschaft zu kennen und um wirklich Neues dazu zu erfinden.
 
www.ava-international.de


Fragesteller: Titus Müller, Herausgeber des Federwelt Newsletters (www.federwelt.de)

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